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Trauer braucht Zeit und Worte
Geschrieben von Renate Schauer    Mittwoch, 5. März 2008
Ein Vater erzählt, wie er den Verlust seines Sohnes durchlitt.

Manche Schicksalsschläge sind so schwer, dass man sie erst nach mehreren Jahren annehmen kann. Was für die Betroffenen schon unfassbar ist, bringt auch ihre Mitmenschen in Nöte, wenn sie nicht wissen, mit welchen Worten sie ihr Empfinden so ausdrücken, dass es nicht noch zusätzlichen Schmerz bereitet. Fünf Jahre vergingen, bevor Michael Scheible den Unfall-Tod seines Sohnes Heiko als Bestandteil seines Lebens annehmen konnte. Er bezeichnet dies als Wendepunkt seiner Trauer, die er in dem Buch „Herbstlaub im Frühling“ beschreibt.


Heiko war neun Jahre alt, als der 30-Tonner-Lkw nicht mehr bremsen kann. „Der Lkw hatte 1,5 Tonnen zuviel geladen. Die Fahrzeugbremsen funktionierten nicht einwandfrei.“ Der Auffahrunfall ereignete sich an einer roten Ampel. Die Aufprallgeschwindigkeit betrug ca. 55 Stundenkilometer. Im nachhinein ist Michael Scheible dankbar dafür, „dass sich vor dem Fahrzeug meiner Frau kein anderes Fahrzeug befand und das Auto nicht auf die Licht- und Ampelmasten geschleudert wurde. (...) In diesen Fällen hätte niemand den Unfall überlebt. Ich glaube, ein solches Ende meiner Familie hätte ich psychisch nicht überlebt.“

Doch dieses Glück im Unglück wurde ihm erst viel, viel später bewusst. Zunächst erhält er die schockierende Nachricht vom Tod seines Erstgeborenen. Neben Heiko hatte die zwei Jahre jüngere Tochter Sonja auf dem Rücksitz des Autos gesessen. Sie ist schwer verletzt und ringt wochenlang ums Überleben. Die Eltern machen Entsetzliches durch – bei der Beerdigung, am Krankenbett. Kein Arzt kann sagen, ob Sonjas Gehirnfunktionen wiederherstellbar sind.

In dem Trauer-Prozess sind ähnlich Betroffene eine große Hilfe. Wenn man gegenseitig aufeinander zugeht, lässt sich Leid teilen: „Wir durchschritten gemeinsame Tiefen. Und haben dann auch Höhen gewonnen, von deren Existenz wir nichts mehr wussten. Weil sie im Nebel der Trauer versteckt gewesen sind.“ Wenn Trauernde sich aus ihrer Isolation lösen, Berührungsängste hüben wie drüben überwunden werden, beginnt sich das Miteinander wieder zu normalisieren. „Trauer braucht Zeit und Worte“, resümiert Scheible, der unweit von Nürtingen lebt und arbeitet, und fügt an, dass die Trauer durch wiederholtes Erzählen neue Facetten und Perspektiven bekommt.

Michael Scheible beschreibt auch Verletzungen und wie er sich dagegen aufbäumt. Auch wenn klar ist, dass durch die Rechtsprechung Heikos Tod nicht rückgängig gemacht werden kann und keine Entschädigung dem erlittenen Verlust je gerecht werden könnte – irgendwann kommt der trauernde Vater zu der Erkenntnis: „Mein Kind ist für die Gesellschaft nichts wert gewesen. Der Verlust wird nur in Höhe des entstandenen ‚Schadens’ beziffert.“ – Ein anderes Kapitel sind gut gemeinte, aber plumpe Äußerungen von lieben Mitmenschen. Krasses Beispiel: wenn jemand darauf verweist, dass Scheibles jung seien und noch mehr Kinder in die Welt setzen könnten. Der Autor empfiehlt: „Man sollte trauernden Eltern nicht alles sagen, was man denkt.“ Schon gar nicht die Allerweltsfloskel, dass Zeit angeblich „alle Wunden heilt“. Es gibt etliche Worte, die „tun weh, weil sie den trostlosen Zustand trauernder Eltern nicht berücksichtigen.“ Zur Verdeutlichung erläutert Scheible: „In der großen Trauer gibt es kein Morgen, alles ist Heute.“

Sonja hat sich noch ein Geschwisterchen gewünscht und auch bekommen. Nicht als Ersatz für Heiko (die geistige Verbindung mit ihm wird gepflegt – er „nimmt weiterhin Anteil an unserem Leben“), sondern als Zuwachs wie in Familien ohne traurige Lücke, die ein Verstorbener hinterlassen hat.

Mit dem Tod einher geht in der Regel die Besinnung auf das, was zählt. „Ich wünsche den Menschen Mut für tröstende Worte und die Kraft, Begegnungen mit Trauernden nicht auszuweichen“, schreibt Scheible in seinem Vorwort und formulierte seine Reflexionen so, dass bei der Lektüre Mut und Fingerspitzengefühl wachsen können.

Michael Scheible. Herbstlaub im Frühling. Ein Vater trauert um sein Kind. Friedrich Bischoff Verlag, Frankfurt, ISBN 3-935452-43-8, 9,90 Euro.



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