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Kratzer kosten extra
Geschrieben von Hanno Parmentier    Sonntag, 30. November 2008
Gute Gitarren sind schon teuer genug. Schrammen und Brandflecken machen sie unter Umständen aber noch wertvoller.

Punky ist jetzt doch ein bisschen genervt. „Der Instrumentenmarkt ist fast genauso bizarr wie der der Schlümpfe im Markt der Überraschungseier“, mault der Jung-Bassist beim Internet-Chat. Schon seit Stunden fachsimpelt Punky mit Marc, Baker, Simon und VincentVega im „BassForum“ über den Sinn oder Unsinn des Sammelns von – in diesem Falle – Fender-Bass-Gitarren aus der guten alten Zeit.

Als gute alte Zeit gilt bei Fender-Instrumenten, egal ob Bass-, akustische oder normale E-Gitarre, alles vor 1965. In diesem Jahr wurde der amerikanische Gitarrenhersteller Fender vom Medienriesen CBS aufgekauft. Der neue Eigner interessierte sich mehr für die Rendite als für Musik – mit dem Ergebnis, dass unter seiner Ägide fast nur noch schlampig gebaute Instrumente das Werk verließen. Zwar baut Fender mittlerweile wieder erstklassige Gitarren (die CBS-Ära ist schon lange vorbei), aber die Nachfrage nach den solide gebauten, gut klingenden „Pre CBS“-Veteranen ist seitdem so rege, dass sie das Angebot auf dem Markt für gebrauchte Instrumente bei weitem übersteigt. Die Zupf-Oldies sind so rar, dass sie schon lange nicht mehr bei Ebay oder auf einem der zahlreichen Musiker-Flohmärkte zu ergattern sind, sondern als „Vintage“-Instrumente („Vintage“ = englisch für „Jahrgang“; gesprochen: vintidsch) bei Spezial-Händlern zu Höchstpreisen über den Tresen gehen. Beim „Guitar & Coffee-Shop“ in Plankstadt, der „Fine Original Vintage Guitars“ verkauft, werden die antiken Schätzchen sogar nach Banken-Vorbild geratet. Eine Fender „Jazzmaster“ von 1965 in der beliebten Farbe Candy Apple Red ist dort bei einem Spitzen-Rating von 9.0 nicht unter 4200 Euro zu haben. Für eine nicht ganz so gut erhaltene Fender „Stratocaster“ (Rating nur 8.0) dagegen wird erst gar kein Preis angegeben – „Call“ heißt es bedeutungsvoll in der Ausschreibung. Immerhin stammt die Traum-Gitarre von anno 1961 – „Pre-CBS“ also.

Eine echte Marktlücke. Das erkannte irgendwann auch die Firma Fender, die dem Gebrauchtgitarren-Wahn ja tatenlos zusehen musste. Da erinnerte sich im Brain Trust der Company irgendjemand an weit zurückliegende Spezialbestellungen von Berufs-Musikern. Einer davon war der Rolling-Stone-Gitarrist Keith Richards. Der fand es eines erfolgreichen Tages heikel, seine gut eingespielten Spitzen-Instrumente in vollbesetzten Football-Stadien mit auf die Bühne zu nehmen, während unten die Fans nach den Stars grapschten und draußen im Schutz der Dunkelheit geparkte Autos unter Zuhilfenahme von Gewalt nach Kult-Instrumenten durchsucht wurden. Richards, der fast ausschließlich auf Fender-„Telecaster“-Modellen musizierte, hatte sich daraufhin von Fender exakte Kopien seiner Lieblingsgitarren anfertigen lassen – samt aller über die Jahre in verräucherten Clubs entstandenen Schrammen und Brandflecken von Zigaretten. Die Fans sollten den Schwindel schließlich nicht bemerken.

Ein probates Rezept. Mittlerweile bietet Fender allen bei der Vintage-Suche zu kurz Gekommenen eine komplette Double-Palette in allen Preislagen an. So genannte Reissues der Modelle aus den 50er und 60er Jahren gibt es deshalb – aus Mexiko oder Korea und mit schlichten Hölzern und einfacher Elektronik – schon ab 500 bis 600 Euro. Etwa zweieinhalb Mal so viel kosten die Pseudo-Oldies, wenn sie in den USA hergestellt werden – mit besseren Zutaten in diesem Fall. Gewöhnlich gilt dabei das Prinzip „New Old Stock“ – die Instrumente sehen so aus, als seien sie beispielsweise 1954 oder 1962 hergestellt worden, seien aber in einer Fabrikhalle vergessen worden, und würden erst jetzt – nach ihrer Wiederentdeckung und in fabrikneuem Zustand – verkauft.

Teurer wird der musikalische Spaß, wenn die Gitarre zwar ebenfalls neu ist, aber im Unterschied zum New Old Stock aussehen soll, als habe sie bereits 30 oder 40 harte Bühnenjahre hinter sich. In diesem Fall nämlich müssen die Instrumente, wie im Falle der Spezialbestellung von Keith Richards, künstlich gealtert - geaged – werden. Dazu werden auf die Metallteile künstliche Rostflecken aufgebracht, Brandflecken werden so positioniert, dass sie ohne weiteres von herabgefallener Aschenglut stammen könnten. Künstliche Lackrisse sowie abgeschmirgelte Farbe etwa dort, wo Gürtelschnallen oder der rechte Spielarm ihr zerstörerisches Werk tun, vervollständigen die antike Aura.

Für Jung-Bassist VincentVega ein abgeschmacktes Verfahren: „Absolut blödsinnig finde ich es, wenn Features wie Kratzer oder Zigaretten-Brandlöcher den Preis noch in die Höhe treiben.“ Und Internet-Chatter Punky kann bei diesem Gedanken so richtig böse werden: „Kauft sich jemand allen Ernstes einen Fender Jazzbass ’62 Relic-Nachbau für 3999 Euro?“ schimpft er. Doch, es gibt Leute, die das tun.

Sie sind ebenso verrückt wie jene japanischen Sammler, die sich alte E-Gitarren der Marke Gibson, Typ „Les Paul Standard“ mit so genannter „Sunburst“-Lackierung, in den Panzerschrank legen. Voraussetzung ist allerdings, dass das Instrument aus einem der drei Baujahre von 1958 bis 1960 stammt. Nur dann nämlich ist es seinen Marktpreis von weit über 100 000 Dollar auch wirklich wert. Schuld daran ist Eric Clapton. Der als „Slowhand“ und „Gitarren-Gott“ gefeierte Alt-Star hatte in jungen Jahren aus Geldnot ein gebrauchtes Instrument kaufen müssen. Der Klang einer Gibson-„Paula“ aus dem Baujahr 1959 gefiel ihm besonders gut. Das war 1966 – die Les Pauls wurden da wegen ausbleibenden Markterfolgs schon seit fünf Jahren nicht mehr gebaut. Clapton spielte bei John Mayalls „Bluesbreakers“ eine Schlüssel-LP jener Epoche mit dieser Gitarre ein. Seitdem sind die „Gibson Les Paul Standard“ aus den drei Jahren Maßstab aller Dinge für Gitarristen.

Gibson nahm denn seinerzeit auch die Produktion dieses Modells wieder auf – allerdings mit zeitweise miserabler Qualität. Erst im Zuge des grassierenden Vintage-Fiebers besann man sich bei Gibson eines Besseren. Da von den Legenden umrankten Jahrgängen jeweils nur wenige hundert Exemplare gebaut worden waren, kommen nun Jahr für Jahr unter dem klingenden Titel „Historic Collection“ immer neue und den Originalen technisch immer näher stehende Kopien heraus. Die sind dann mit knapp 10 000 Euro geradezu ein Schnäppchen gegenüber den betagten Originalen.

Mit der üblichen Zeitverzögerung von zehn bis 15 Jahren hat der Vintage-Wahn nun von den USA auch auf den deutschen Markt übergegriffen. Ein Blick in die „Vintage“-Abteilung bei Ebay genügt. Selbst krude, restlos abgenudelte Wanderklampfen werden dort in den schillerndsten Begriffen als Vintage-Schätze angepriesen – Hauptsache, irgendwo auf der Gitarre findet sich vergilbt einer der Herstellernamen Framus, Klira oder Höfner. In den 50ern und den Golden Sixties dienten deren E-Gitarren als preiswerter Ersatz für die englischen oder amerikanischen Originale, für die es in Deutschland keine Infrastruktur gab und die sich jugendliche Hobby-Musiker auch niemals hätten leisten können.

Klingen tun die deutschen Alt-Klampfen eigentlich nicht besonders. Aber schön und schön alt sind sie. Und zum Glück noch nicht so maßlos überteuert wie die Oldies von den Onkels aus Amerika.



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